Zusammenarbeit

Historisch betrachtet erinnert ‚Kollaboration‘ in Kontinentaleuropa  „an die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg, an Personen, die sich […]mit dem Dritten Reich eingelassen haben“. Gegen diesen schlechten Ruf setzt Mark Terkessidis eine neue Bedeutung: „Es geht um Zusammenarbeit.“  (engl. ,collaboration‘). Diese ist in den letzten Jahren immer bedeutender geworden: In der Wirtschaft werden unter den Stichwörtern Kreativität und Innovation starre Hierarchien aufgelöst, unzufriedene Brüger mischen sich zunehmend ein, usw.[1] Mark Terkessidis will dieses Phänomen von zunehmender Eigenverantwortung und Zusammenarbeit nun über leere, „neoliberale“2 Worthülsen hinaus untersuchen. „Die Individuen betrachten sich als emanzipiert, sie sind eine Vielheit, was bedeutet: Die Gesellschaft funktioniert nur, wenn durch Kollaboration möglichst viele Stimmen gehört werden.“[2]
Zusammenarbeit in kollaborativen, kollektiven Prozessen ist etwas anderes als eine Arbeitsteilung und -strukturierung im herkömmlichen Sinne. Hier gibt ein/e Vorgesetzte/r oder Höhergestellte/r  Aufgaben vor, die erledigt werden müssen. Die Angestellte/n, Niedriggestellte/n führen also vorgegebene Arbeiten aus. Dagegen soll die Zusammenarbeit im Kollektiven von einem hohen Maß an Eigeninitiative und Selbstverantwortung  jeder/s Einzelnen getragen und bestimmt werden. Anlass zu Arbeit, etwas zu tun, ergibt sich für jede/n aus eigener Motivation. Ziele und Vorhaben werden gemeinsam im Team festgelegt.  Aufgaben ergeben sich  aus den kollektiv vereinbarten Zielen. Dies bedeutet keinesfalls Strukturlosigkeit, denn Rollen und Verantwortungen werden zugeteilt, nur eben auf viele Schultern,  im Sinne –> non-hierarchischer Strukturen.
Aus dieser kollektiven Zusammenarbeit ergibt sich auch eine Abkehr vom Geniekult:  Es ist nicht mehr nur ein genialer Künstler, der in die Welt sendet, sondern viele im Kollektiv Zusammenarbeitende. Mark Terkessidis meint dazu, „nicht Genies, die sich gegenseitig beeinflussen, treiben den Fortschritt der nationalen oder der Welt-Kunst voran. Entscheidend sind vielmehr die suchenden, wütenden und kollaborierenden Individuen.“[3] Damit ändert sich die Rolle des Künstlers: Er „wird zwar nicht länger mit den Geniemythen der vergangenen Jahrhunderte beschrieben, doch er bleibt ein Individuum, welches sich um Ausdruck bemüht und sich für seine Beschäftigung mit der Welt selbst mandatiert.“[4]
Entscheidend für eine kollektive Zusammenarbeit ist eine Struktur, die die Ideen, Konzepte und Ressourcen für alle zugänglich macht; und gerade eben nicht für nur einige Wenige. Alle Beteiligten müssen auf die wesentlichen Konzepte, Formfindungen und Ausdrucksweisen zurückgreifen können und sie – auch im Anschluss an einen gemeinsamen Prozess – eigenständig einsetzen können. Im Sinne einer Nachhaltigkeit muss allen Beteiligten alles offen stehen, sie müssen -> freien Zugang haben.
„Mit der Kollaboration als ethischer Leitidee könnte Kunst einen Raum öffnen, der Erkenntnis- und Aushandlungsprozesse über affektive Zusammenhänge und unbestimmte Sensibilitäten ermöglicht. Zum einen geht es dabei um die sozusagen hedonistische Seite von Wissenserwerb und -erweiterung. Erkenntnis kann mit Lust, gar mit Euphorie verbunden sein.“[5]

[1] Mark Terkessids: Kollaboration, S.7 | [2] ebendieser, S. 13 | [3] ebendieser, S. 252 [4] ebendieser, S.191 | [
5] ebendieser, S.221f

Contact: Franziska Wirtensohn, Michael Wittmann

contact@habibidome.org