Mark Terkessidis bezeichnet „kollaborative Kunst als soziale Praxis“.[1] Die kollektiven Prozesse, in denen sich die Kunst nun äußerst, finden also in einer sozialen Realität statt. Die/der Künstler/In verlässt eine klassische Form von Atelier und tritt mit Interessierten in Verbindung, die nicht zwingend aus dem Bereich der Kunst kommen. Kunst findet in der Gesellschaft statt, mit Menschen, die die Sache etwas angeht, die interessiert sind oder die einfach mitmachen wollen. Dass ein Kunstprojekt das Mitmachen Außenstehender oder eben von einer Thematik betroffener Menschen erlaubt bzw. intendiert, wird oft als partizipative Kunst bezeichnet. Diese Beteiligung von vermeintlich Außenstehenden, von thematisch Betroffenen oder von Rezipienten an Konzeption, Entwicklung, Formgebung, Gestaltung und Ausführung eines Kunstwerks, basiert u.a. auch auf der „konnektiven Ästhetik“ der Kunsthistorikerin Suzi Gablik (1992), in der der Künstler  kein „kantiger, autonomer Individualist“  mehr sei. Vielmehr sei Kunst „orientiert an der Erzeugung von geteiltem Verständnis und dem unhintergehbaren  Verwobensein von Selbst und Anderen, von Selbst und Gesellschaft.“[2]
Der Kurator Nicholas Bourriaud begründete 1998 die vor allem  im Englischsprachigen sehr bekannte  ‚relational aesthetic‘, auch ‚relational art‘. Relation, ähnlich dem englischen relation, meint dabei alle „menschlichen Beziehungen und deren sozialen Kontext“.[3] Künstler/Innen beschäftigen sich also hier nicht mit Material im klassischen Sinne, sondern mit sozialer Interaktion. Folglich ist es für relational aesthetic schlichtweg Voraussetzung, dass sich Menschen am Kunstwerk beteiligen.
Begreift man dieses Mitmachen als kollektiven, kollaborativen Prozess, ist es unabdingbare Notwendigkeit, dass nicht nur der/die KünstlerIn, bzw. Künsterlnnengruppe Konzept und Form des Kunstwerks aktiv gestaltet, sondern ebenso die sich nun Beteiligenden. Nicht die Künstler stülpen ihre Meinung über, sondern im Kollektiven wird entwickelt. Daher „sollte nicht bloß der Künstler als wütendes und suchendes Individuum betrachtet werden, sondern vor allem die Kollaborateure der Kunst. Eine wesentliche Voraussetzung einer kollaborativen Kunst als soziale Praxis besteht darin […] die Subjekte als aktiv Handelnde zu begreifen.“[4]
Wird eine kollektive Auseinandersetzung zum Inhalt der Kunst, ist neben dem klassischen Kunstwerk als Objekt natürlich der Prozess, also die Konzeption, Entwicklung und Durchführung im Kollektiven, ein entscheidender Faktor. Dies muss auch in der Form der Kunst, wie sie dargestellt und ausgestellt wird, Niederschlag finden. Um einen kollektiven Prozess für eine Rezeption lesbar zu machen, ist meist auch der vorangegangene Prozess wesentlich. In seinem Konzept einer ‚dialogischen Ästhetik‘ betont der Kunsthistoriker Grant Kester, wie diese „einen Prozess mit unbestimmtem Ausgang anstößt. Die künstlerische Qualität besteht im kommunikativen Vorgang, den das Werk auslöst oder beschleunigt und der wiederum Wissen produzieren kann, um die kognitiven, sozialen oder politischen Konventionen zu verändern.“[5] Eine in diesem Zusammenhang oft auftretende Frage ist, wie und unter wessen Namen das Projekt veröffentlicht wird. Sind alle Beteiligten oder nur die Künstler genannt? Mark Terkessidis fragt dazu: „Ihre Namen [der Beteiligten]sind heute allerdings vergessen, und das Projekt in seiner kollaborativen Form wird alleine der/dem Künstler/In zugeschrieben. Ist das mit der Ethik der Zusammenarbeit vereinbar?“[6]
Kollektive, „kollaborative Kunst als soziale Praxis“ in einer gesellschaftlichen Realität angewandt, heißt: „Alle Kunst ist ein formgebender Prozess, der Gegenstände, Erkenntnisse, Erfahrungen und Anlässe für Erfahrungen, Lernen und Anlässe für Lernen, Raum für Experimente und unkonventionelles Vorgehen, Zusammenhang (im Sinne von Orientierung) und Gemeinschaft schaffen kann. Angesichts dessen erscheint mir die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Kunst nicht nur erlaubt, sondern es wirkt nachgerade absurd, sie nicht zu stellen.“[7] Das Kollektive wird im Sinne von Bruce Barber zu einer ‚kommunikativen Aktion‘, die zu einem Mediationsprozess führt, um die Gesellschaft zu verändern.“[8]

 

[1] Mark Terkessidis: Kollaboration, S.174 | [2] ebendieser, S.175, sowie Suzi Gablik: Connective Aesthetics,S.6 | [3] M. Terkessidis: Kollaboration. S.175 ,sowie Nicolas Bourriaud: Relational Aesthetics | [4] M. Terkessidis: Kollaboration, S. 197f. 

[5] ebendieser, S.177, sowie Grant H. Kester: Conversation Pieces und ders.: The One and Many | [6] M.Terkessidis: Kollaboration, S. 183 | [7] ebendieser, S. 220
[8] ebendieser, S. 176, sowie Bruce Barber: Littoral Art Practice and Communicative Action, und ders.:The Gift in Littoral Art Practice

 

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"kollaborative Kunst als soziale Praxis"

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