Ein oft gehörter Ausdruck, wenn es um Zusammenarbeit in Gruppen geht, ist „non-hierarchisch“. Grundsätzlich ist Non-Hierarchie nicht mit Strukturlosigkeit zu verwechseln. Im Gegenteil: Der Aufbau einer Struktur ist intendiert - einer Struktur, in der nicht alle Informationen  nur bei nur einer/m Beteiligter/n zusammenlaufen und nicht alle Entscheidungen von eben dieser einen Person getroffen werden. Schon 1970 bilanziert Jo Freeman, dass es „eine  strukturlose Gruppe nicht gibt“. Aus der Innenansicht von politischen Aktivist/innengruppen heraus erklärt sie: „Eine Gruppe absichtlich frei von Strukturen halten zu wollen, ist ungefähr so sinnvoll und so zweckmäßig wie das Bestehen auf ‚objektiven’ Nachrichten, einer ‚wertneutralen‘ Sozialwissenschaft oder einer ‚freien Wirtschaft‘. Eine völlig hierarchiefreie Gruppe ist so realistisch wie eine hierarchiefreie Gesellschaft – unter dem Deckmantel der Gleichheit können die Stärksten oder am meisten Privilegierten ungestört ihre Herrschaft über andere ausüben.“[1] In diesem Sinne ist also eine Struktur gerade dazu da, für Gleichberechtigung zu sorgen und eine einseitige Willkür zu vermeiden. Dem schließt sich auch Josh Bolotsky in seinem Essay „Struktur macht stark“ an und folgert: „Wenn die Zuständigkeiten nicht geklärt sind und es an internen Rückmeldemechanismen fehlt, kann das […] fatale Folgen haben.“[2] Also können nur durch eine Struktur, in der auch (feste) Rollen verteilt werden, Beteiligte auch Verantwortung übernehmen. Diese Übernahme von Verantwortung sieht er als eine der grundsätzlichen Triebfedern für demokratische Prozesse.
Auch für künstlerische Auseinandersetzung in Kollektiven und Gruppen gilt, dass sie aufgrund ihrer Struktur eben nicht zentral gesteuert oder von wenigen bestimmt wird. Insofern widerspricht diese Form der Auseinandersetzung dem einen Künstlergenie. Durch seine Struktur sollte das Projekt offen zugänglich für alle sein. Die Verantwortung sollte von vielen Beteiligten, aber klar in festgelegten Zuständigkeiten übernommen werden.
Neben diesem Innenblick auf die Struktur einer Gruppe lohnt sich auch der Blick auf eine abstraktere Ebene. Das gemeinsames Ziel, das man schmiedet, ein Gruppe, bzw. ein Kollektiv, das man gründet, finden nie im luftleeren Raum statt, sondern in einer Gesellschaft mit einer bestimmten Kultur und Ordnung. Eine Gruppierung, bzw. ein Kollektiv macht nun in diesem großen Sozialraum einen neuen kleinen Sozialraum auf. Stellt dieser neue Sozialraum nur eine Kopie des bereits vorhandenen größeren dar? Oder wird im besten Falle eine Grundlage für eine kritische Auseinandersetzung und für eine Reflektion über bestehende Verhältnisse geschaffen?
Anders formuliert: Schafft es die Kunst, eigene Struktur aufzubauen oder kopiert sie nur vorhandenen Strukturen (einer Marktwirtschaft)?

[1] Jo Freeman: The Tyranny of Structurlesness
[2] Josh Bolotsky: Struktur macht stark, in Beautiful Trouble, S.132f

 

Non-Hierarchische Strukturen

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