Bei partizipativen, kollektiven Projekten wird oft nicht mit einer zufällig ausgewählten Personengruppe zusammengearbeitet, wie etwa vorbeilaufenden Passanten, sondern mit einer Personengruppe in einer ganz bestimmten Situation, an einem ausgewählten Ort und zu einem bestimmten Thema. Dabei besteht die Gefahr, ebenjene Personengruppe erst mit bestimmten Erkennungsmerkmalen zu versehen und so ihre Stigmatisierung erst einzuleiten oder voranzutreiben.  Mark Terkessidis erläutert diesen Fallstrick einer (unerwünschten) Stigmatisierung am Beispiel der im US-amerikanischen Sprachgebrauch oft genannten ‚Community-based Art‘. „Für gewöhnlich geht es in Projekten mit der Community  nicht um die Allgemeinheit, sondern um angebliche, partikulare Gemeinschaften, die durch offensichtliche Merkmale charakterisiert sind: die Frauen, die Schwarzen, die Latinos oder in Deutschland eben die Kinder mit Migrationshintergrund, die Türken, die Behinderten usw.“[2] Die Gefahr ist also groß, dass – meist bei nicht ausreichender Auseinandersetzung mit der Situation und ihren Gegebenheiten von Seiten der Initiatoren (in dem Fall der KünstlerInnen) – ein guter Vorsatz die komplett gegenteilige Wirkung entfacht. „Wer sich unreflektiert auf bestimmte Menschen als Community bezieht – eine Vokabel, die mittlerweile auch ins Deutsche übernommen wurde –, der läuft zudem Gefahr, sie überhaupt erst als Gruppe mit bestimmten Charakteristiken hervorzubringen.“[3]

Diese Stigmatisierung hätte eine absolut gegenteilige Wirkung zu der in einem kollektiven Prozess und erniedrigende Wirkung für die Betroffenen. Um eine  unreflektierte und für die Betroffenen erniedrigende und diskriminierende Zuordnung nach Typisierungsmerkmalen zu verhindern, ist das entscheidende Prinzip eben gerade nicht zu verallgemeinern. Und  „in diesem Sinne wäre auch die Community aus aktiven Individuen zu konzipieren, die ihr Leben gestalten und die in jeder Beziehung ernst zu nehmen sind. Niemand muss einfach nur befreit werden, aufgeklärt, belehrt werden – es gibt keine „Vermittlung“, die ausschließlich in eine Richtung verläuft.“[4]
Mimi Hapig von Soup and Socks benennt dieses entscheidende Prinzip, um eine Stigmatisierung zu vermeiden, mit ‚Augenhöhe‘[5]. Ganz zentral dabei ist Solidarität, die auch emotionale Involviertheit mit sich bringt: „Solidarität bedeutet für uns, uns über das Unrecht, das anderen zustößt, genauso zu empören, als würde es uns selbst betreffen.

Und es bedeutet, uns gemeinsam mit den Betroffenen dagegen einzusetzen. Anders als das Handeln aus Mitleid stellt Solidarität ein gewisses Maß an Augenhöhe her: wir betrachten die Menschen nicht als Objekte, denen man „helfen“ muss, von oben herab, „weil es ihnen so schlecht geht und uns so gut und sie uns Leid tun“. Bei ihrer Unterstützung geflüchteter Menschen an Europas Außengrenze Griechenland geht es für Soup and Socks neben dieser Solidarität darum, wirklich ausnahmslos alle Menschen, denen sie begegnen, als „Individuen mit einer eigenen Geschichte zu sehen, mit einer unantastbaren Würde und mit einem eigenen Willen, den es zu respektieren gilt.“ So lautet der Slogan von Soup and Socks, bzw. Habibi.Works „We create WITH people in need“. Dabei ist das ‚create‘ im Deutschen von gestalten bis erschaffen umfassend angelegt: Im Kollekitven, in dem alle zusammen ‚auf Augenhöhe‘, alle Beteiligten für sich Handlungsmöglichkeit und Selbstbestimmtheit entwickeln.[6]

[1] Mimi Hapig: Ein kritischer Blick auf unsere Arbeit

[2] Mark Terkessidis: Kollaboration, S. 187

[3] ebendieser, S.190 | [4] ebendieser, S.199

[5], [6] Mimi Hapig: Ein kritischer Blick auf unsere Arbeit
 

Augenhöhe[1]

Contact: Franziska Wirtensohn, Michael Wittmann

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